Ghosting im Recruiting wird häufig mit Bewerbern in Verbindung gebracht. Gleichzeitig zeigt sich in der Praxis ein anderes Bild: Unternehmen selbst reagieren zunehmend nicht auf Bewerbungen.
Wir haben mit Hans-Jürgen Waider, Inhaber von WAIDER Consulting, über diese Entwicklung gesprochen – und darüber, warum das eigentliche Problem oft innerhalb der Unternehmen liegt.

Herr Waider, aktuell wird viel über Ghosting im Recruiting gesprochen. Wie hat sich das Thema in den letzten Jahren entwickelt?
Das Thema hat sich deutlich verschoben. Früher lag der Fokus fast ausschließlich auf Bewerbern – also auf der Frage, warum Kandidaten nicht mehr reagieren oder plötzlich abspringen. Heute sehen wir ein differenzierteres Bild: Ghosting ist längst kein einseitiges Phänomen mehr, sondern findet in beide Richtungen statt – mit wachsender Tendenz auf Unternehmensseite. Das verändert die Dynamik im gesamten Recruiting-Prozess.
Was beobachten Sie konkret in Ihrer täglichen Arbeit mit Unternehmen?
Die Muster sind erstaunlich ähnlich – unabhängig von Branche oder Unternehmensgröße. Typische Situationen sind:
- Bewerbungen werden gesichtet, aber nicht beantwortet
- Kandidaten warten Wochen auf Rückmeldungen
- Gespräche werden geführt, ohne dass danach etwas passiert
In vielen Fällen ist das kein bewusstes Verhalten, sondern das Ergebnis fehlender Struktur. Aus Sicht der Bewerber ist es jedoch irrelevant, warum keine Rückmeldung kommt – sie interpretieren es als mangelnde Verbindlichkeit.
Warum fällt es Unternehmen so schwer, hier konsequent zu reagieren?
Das hat mehrere Ursachen, die oft zusammenkommen.
- Recruiting hat intern nicht die nötige Priorität
- Zuständigkeiten sind unklar verteilt
- Entscheidungen ziehen sich unnötig in die Länge
Zusätzlich wird Recruiting häufig als operatives Thema betrachtet – nicht als strategischer Hebel. Das führt dazu, dass Prozesse nicht aktiv gesteuert werden, sondern einfach laufen – oder eben nicht laufen. Und genau dort entstehen die Brüche.
Welche Rolle spielt dabei der Fachkräftemangel?
Der Fachkräftemangel wird oft als äußere Ursache genannt – und er ist natürlich real. Aber er erklärt nicht alles. Viele Probleme im Recruiting entstehen nicht, weil es zu wenige Kandidaten gibt, sondern weil vorhandene Kandidaten nicht sauber durch den Prozess geführt werden. Das wird häufig unterschätzt.
Welche Auswirkungen hat dieses Verhalten auf den Markt?
Die Auswirkungen sind deutlich – und langfristig relevant. Wir sehen unter anderem:
- steigende Wechselbereitschaft ohne Bindung
- sinkendes Vertrauen in Arbeitgeber
- schnellere Absprünge im Bewerbungsprozess
Gute Kandidaten warten heute nicht mehr ab. Wer nicht reagiert, verliert – oft ohne es zu merken.
Viele Unternehmen reagieren darauf mit mehr Recruiting-Aktivität. Ist das der richtige Weg?
Mehr Aktivität ist nachvollziehbar – aber selten die Lösung. Typische Reaktionen sind:
- mehr Stellenanzeigen
- mehr Tools
- mehr Budget im Recruiting
Das erhöht den Input – löst aber nicht die strukturellen Probleme im Prozess. Wenn die Abläufe nicht funktionieren, führt mehr Aktivität häufig nur zu mehr Ineffizienz.
Was müssten Unternehmen stattdessen konkret verändern?
Der wichtigste Schritt ist Transparenz im eigenen Prozess. Unternehmen sollten sich ehrlich fragen:
- Wie schnell reagieren wir tatsächlich?
- Wo verlieren wir Kandidaten?
- Wer trägt die Verantwortung für Entscheidungen?
Oft fehlt genau diese Klarheit. Und ohne klare Prozesse entsteht automatisch Intransparenz – sowohl intern als auch für Bewerber.
Ihr Fazit zum Thema Ghosting im Recruiting?
Ghosting ist kein kurzfristiger Trend. Es ist ein Symptom für strukturelle Schwächen im Recruiting. Unternehmen müssen aufhören, nur nach außen zu schauen – und beginnen, ihre eigenen Prozesse konsequent zu hinterfragen. Wer das nicht tut, wird langfristig Schwierigkeiten haben, passende Kandidaten zu erreichen – unabhängig von Branche oder Marktumfeld.
Zum Gesprächspartner
Hans-Jürgen Waider ist Inhaber von WAIDER Consulting und berät Unternehmen im Recruiting sowie Privatpersonen bei Karriereentscheidungen.
Sein Fokus liegt auf der Analyse und Optimierung von Recruiting-Prozessen sowie auf der Frage, wie Unternehmen wieder verbindlicher und effizienter mit Bewerbern arbeiten können.
Weitere Perspektiven zum Thema finden Sie im Beitrag über Ghosting im Recruiting und die Rolle von Unternehmen.



