Bewerber erklärt seinen beruflichen Werdegang im Gespräch mit einem Personalberater

Der perfekte CV bringt gar nichts, wenn niemand Ihre Geschichte versteht

Von Hans-Jürgen Waider, Inhaber von WAIDER Consulting und Personal- & Karriereberater

Illustration: Erstellt mit ChatGPT (OpenAI).

Lebenslauf Quereinstieg – auf den ersten Blick scheint das vor allem eine Frage der richtigen Bewerbung zu sein. Doch gerade beim beruflichen Neustart reicht ein formal perfekter CV häufig nicht aus.

Eigentlich ein richtig guter CV.

Und trotzdem bleiben die Einladungen zu Vorstellungsgesprächen aus.

Gerade in meinen Karriereberatungen erlebe ich diese Situation immer wieder. Besonders häufig bei Menschen, die sich beruflich verändern oder einen Quereinstieg wagen möchten. Nicht selten haben sie bereits viel Zeit und manchmal auch Geld in die Optimierung ihrer Bewerbungsunterlagen investiert.

Dann stelle ich eine relativ einfache Frage:

Warum sollte ein Personalentscheider Sie mit genau diesem Lebenslauf für genau diese Position zum Gespräch einladen?

Und plötzlich wird es schwierig.

Denn ein formal perfekter Lebenslauf ist noch lange kein überzeugender Lebenslauf.

Personaler lesen nicht einfach Lebensläufe. Sie suchen eine Geschichte.

Natürlich schauen Recruiter auf Berufserfahrung, Qualifikationen, Kompetenzen und Erfolge. Aber während wir einen CV lesen, passiert noch etwas anderes.

Wir versuchen, die Informationen miteinander zu verbinden.

Wo kommt dieser Mensch beruflich her? Was zeichnet ihn aus? Gibt es etwas, das sich durch seine bisherigen Stationen zieht? Und vor allem: Warum steht dieser Lebenslauf jetzt ausgerechnet für diese Position auf meinem Bildschirm?

Kurz gesagt: Wir suchen einen roten Faden.

Das hat nichts mit künstlichem Storytelling zu tun. Niemand muss seine berufliche Laufbahn nachträglich zur perfekt inszenierten Erfolgsgeschichte umschreiben. Karrieren verlaufen nicht immer geradlinig. Manchmal gibt es Umwege, Entscheidungen, die man heute anders treffen würde, oder schlicht Veränderungen im Leben.

Das ist völlig normal.

Aber ein Personalentscheider muss verstehen können, wie aus Ihrer bisherigen beruflichen Geschichte der nächste Schritt entstehen soll.

Und genau daran scheitern erstaunlich viele Bewerbungen.

Sie kennen Ihre Geschichte. Der Recruiter kennt sie nicht.

Das klingt banal, ist aber einer der Punkte, die mir in Karriereberatungen immer wieder begegnen.

Bewerber betrachten ihren beruflichen Werdegang zwangsläufig von innen.

Sie wissen, warum sie vor acht Jahren eine bestimmte Position angenommen haben. Sie wissen, weshalb sie später die Branche gewechselt haben. Sie erinnern sich an Projekte, schwierige Situationen und Erfolge. Sie wissen, welche Aufgaben ihnen besonders gelegen haben und warum sie heute etwas anderes machen möchten.

Für sie selbst ergibt daraus vieles einen vollkommen logischen Zusammenhang.

Der Recruiter sieht zunächst nur ein Dokument.

Und daraus soll er innerhalb relativ kurzer Zeit verstehen, wer ihm beruflich gegenübersitzt.

Genau hier entsteht ein Problem, das man selbst häufig gar nicht bemerkt: Was für mich selbstverständlich ist, muss für einen Außenstehenden noch lange nicht erkennbar sein.

Lebenslauf Quereinstieg: Warum der rote Faden entscheidend ist

Bei einer klassischen Bewerbung innerhalb derselben Branche und Funktion ist die Geschichte häufig vergleichsweise einfach.

Wer seit zehn Jahren im Controlling arbeitet und sich auf die nächste Controlling-Position bewirbt, muss die grundsätzliche Verbindung zwischen seiner bisherigen Erfahrung und der neuen Tätigkeit kaum erklären.

Beim Quereinstieg sieht das anders aus.

Hier passt die bisherige Berufsbezeichnung gerade nicht zur angestrebten Position. Vielleicht passt auch die Branche nicht. Manchmal passen weder Branche noch Funktion.

Und trotzdem kann dieser Bewerber hervorragend für die neue Aufgabe geeignet sein.

Nur: Das muss der Personalentscheider erkennen können.

Genau deshalb halte ich es für einen Fehler, beim Quereinstieg zuerst über Formulierungen, Layouts oder die vermeintlich perfekte CV-Struktur zu sprechen.

Das eigentliche Problem liegt häufig eine Ebene davor.

Welche Geschichte erzählt dieser berufliche Werdegang überhaupt?

Und genau diese Frage ist alleine erstaunlich schwer zu beantworten

Das ist eine der interessantesten Erfahrungen aus meinen Karriereberatungen.

Häufig liegt die entscheidende Geschichte längst auf dem Tisch. Der Klient erkennt sie nur selbst nicht.

Für ihn sind bestimmte Erfahrungen selbstverständlich. Andere hält er für besonders wichtig, weil sie einen großen Teil seines Berufsalltags ausgemacht haben. Wieder andere erwähnt er fast beiläufig, weil sie ihm persönlich gar nicht außergewöhnlich erscheinen.

Aus meiner Perspektive als Recruiter kann die Gewichtung vollkommen anders aussehen.

Dann wird plötzlich eine Erfahrung interessant, die der Klient selbst kaum erwähnenswert fand. Eine berufliche Station, die er am liebsten auf zwei Zeilen reduziert hätte, bekommt eine ganz andere Bedeutung. Und Tätigkeiten, die bislang ausführlich beschrieben wurden, helfen für die angestrebte Position möglicherweise überhaupt nicht weiter.

Genau darin liegt die Schwierigkeit.

Wir sind denkbar schlechte externe Beobachter unserer eigenen Karriere.

Wir kennen zu viele Details. Wir haben Erinnerungen, Emotionen und persönliche Bewertungen mit einzelnen Stationen verbunden. Und wir wissen bereits, was wir mit bestimmten Aussagen meinen.

Der Recruiter weiß all das nicht.

Ein Lebenslauf kann hervorragend sein – und trotzdem die falschen Fragen beantworten

Das ist vielleicht der entscheidende Punkt.

Ein CV kann handwerklich ausgezeichnet sein. Er kann modern aussehen, gut strukturiert und präzise formuliert sein. Er kann beeindruckende berufliche Erfolge enthalten.

Und trotzdem kann nach dem Lesen eine entscheidende Frage offenbleiben:

Warum dieser Mensch für diesen Job?

Gerade erfahrene Bewerber versuchen häufig, möglichst umfassend darzustellen, was sie alles gemacht haben.

Das ist verständlich. Schließlich möchte niemand 15 oder 20 Jahre Berufserfahrung auf ein paar Schlagworte reduzieren.

Aber ein Lebenslauf ist keine Personalakte.

Der Leser muss nicht nach der Lektüre alles über Sie wissen.

Er muss etwas viel Wichtigeres verstanden haben: warum Ihre bisherige berufliche Erfahrung für das interessant sein könnte, was Sie als Nächstes machen möchten.

Vielseitigkeit kann dabei sogar zum Problem werden

„Ich möchte mich aber nicht zu sehr festlegen.“

Diesen Satz höre ich in Beratungen immer wieder.

Und ich kann ihn gut verstehen.

Wer über viele Jahre unterschiedliche Aufgaben übernommen, Projekte gesteuert, Teams geführt, Kunden betreut, Prozesse optimiert und vielleicht sogar verschiedene Branchen kennengelernt hat, möchte diese Vielfalt nicht einfach unter den Tisch fallen lassen.

Nur kann genau daraus ein Problem entstehen.

Nach dem Lesen steht dann ein vielseitiger, erfahrener und zweifellos interessanter Mensch vor mir.

Aber ich weiß immer noch nicht:

Wofür soll ich ihn einstellen?

Das ist keine Frage der Qualität dieses Bewerbers.

Es ist eine Frage seiner Positionierung.

Und genau diese Unterscheidung ist wichtig.

Deshalb beginnt eine gute Karriereberatung für mich nicht in Word

Natürlich geht es irgendwann auch um den Lebenslauf.

Um Struktur, Gewichtung, Formulierungen und Darstellung.

Aber das ist nicht der Anfang.

Denn bevor ich einen CV sinnvoll verändern kann, muss ich zunächst verstehen, welchen Menschen und welche berufliche Geschichte ich eigentlich vor mir habe.

Das lässt sich nicht mit einer Lebenslaufvorlage lösen.

Und auch nicht mit der nächsten vermeintlich perfekten Formulierung.

Gerade bei Quereinsteigern besteht die eigentliche Arbeit häufig darin, zunächst gemeinsam herauszuarbeiten, was der Bewerber selbst aufgrund seiner Nähe zur eigenen Biografie kaum noch sehen kann.

Dabei hilft mir eine Perspektive, die ich in meiner Arbeit immer wieder wechsle: die des Karriereberaters und die des Recruiters.

Auf der einen Seite sitzt ein Mensch vor mir und erklärt mir, was er mit einer bestimmten Station, Erfahrung oder Formulierung ausdrücken möchte.

Auf der anderen Seite frage ich mich:

Was würde ich daraus verstehen, wenn dieser CV morgen als Bewerbung für eine meiner Positionen bei mir eingeht?

Und zwischen diesen beiden Perspektiven liegen manchmal erstaunlich große Unterschiede.

Das eigentliche Problem ist deshalb selten der perfekte CV

Natürlich muss ein Lebenslauf professionell sein.

Aber vielleicht beschäftigen wir uns bei Bewerbungen manchmal viel zu intensiv mit der falschen Frage.

Wir diskutieren über Schriftarten, Seitenzahlen, Bulletpoints, Bewerbungsfotos, Keywords und darüber, ob ein Profil besser drei oder fünf Zeilen lang sein sollte.

All das kann wichtig sein.

Aber nichts davon beantwortet die entscheidende Frage:

Versteht der Mensch auf der anderen Seite, warum meine bisherige berufliche Geschichte zu dem passt, was ich als Nächstes machen möchte?

Das Schwierige daran ist nicht, diese Geschichte anschließend in einen Lebenslauf zu schreiben.

Das Schwierige ist, sie überhaupt erst zu erkennen.

Und genau deshalb kann ein perfekter CV am Ende vollkommen wirkungslos bleiben.

Nicht weil er schlecht geschrieben ist.

Nicht weil das Layout nicht stimmt.

Und auch nicht, weil der Bewerber zu wenig zu bieten hätte.

Sondern weil der Leser zwar viele Informationen bekommt – aber die Geschichte dahinter nicht versteht.


Über den Autor: Hans-Jürgen Waider ist Inhaber von WAIDER Consulting und seit vielen Jahren in der Personal- und Karriereberatung tätig. Als Personalberater kennt er Bewerbungsprozesse aus der Perspektive von Unternehmen und Bewerbern. Ein besonderer Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf beruflicher Neuorientierung und Quereinstieg.


WAIDER Consulting Redaktion
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